2024-11-07 Allerheiligen

„Morgen ist Allerheiligen“, sage ich zu meinem Mann.
„Was ist Allaschneiligen?“ kräht mein Dreijähriger.
„Schulfrei ist das!“ ruft meine Siebenjährige lachend.
„Neee, da muss man zum Friedhof und Kerzen anzünden.“ belehrt mein Zehnjähriger seine Geschwister.

Ich google das kurz. Allerheiligen ist irgendwie katholisch und hat mit Gedenken an Verstorbene zu tun, so viel weiß ich.

Falls auch ihr euch ein bisschen unsicher seid, hier kurz etwas Theorie:
Allerheiligen ist ein christlicher Feiertag, der vor allem in der katholischen Tradition von Bedeutung ist. Die katholische Kirche hat unzählige Heilige, deshalb wurde irgendwann im 4. oder 5. Jahrhundert entschieden, ihrer gebündelt zu gedenken. Der 1. November wurde als fixer Termin etwas später eingeführt. Viele Protestanten lehnen die katholische Praxis der Heiligenverehrung ab. Für nicht gläubige Menschen hat der Feiertag ohnehin keine Bedeutung.

Ein Wahrnehmen dieses besonderen Tages kann sich meiner Ansicht nach für alle Menschen lohnen, ganz gleich welchen Glaubens. Im religiösen Kontext wird Heiligkeit zwar als Zustand der Trennung von profanen (weltlichen) Dingen betrachtet, hat aber schon lange auch einen kulturellen Kontext. Der Begriff „heilig“ hat ein Erbe, das sich über verschiedene Epochen und Traditionen erstreckt. Es hat seine Wurzeln in den (indo-)germanischen Wörtern „hailagaz“ und „kael“, was „vollständig“ oder „unversehrt“ bedeutet. „Heilig“ wird heute auch metaphorisch verwendet, um Dinge von herausragender Bedeutung oder außergewöhnlicher Wertschätzung zu beschreiben.

Daraus folgt: Was einem heilig ist, bestimmt man selbst. Es können ganz greifbare religiöse Figuren oder Symbole sein, genauso ist auch möglich, dass man Freundschaften, bestimmte Ruhezeiten oder seinen Garten als heilig bezeichnet.
Und deshalb kann der Feiertag Allerheiligen für uns alle eine Erinnerung daran sein, uns Zeit zu nehmen für die Personen und Dinge, die uns wichtig – ja, heilig – sind. Wir können innehalten, uns entschleunigen, Dankbarkeit fühlen, unsere Prioritäten überprüfen. Oder wir können einen Gottesdienst und den Friedhof besuchen und unserer Verstorbenen gedenken.

Christliche Feiertage sind immer ein Angebot. Ob und in welcher Form wir es annehmen, liegt an uns.


Wie verbringt ihr Feiertage? Welche Bedeutung haben sie für euch? Denkt ihr darüber nach, was da gefeiert wird oder genießt ihr – was ebenfalls völlig ok ist – einfach den freien Tag?

2024-10-31 Halloween

Interessiert schaut unser 92-jähriger Nachbar über den Gartenzaun hinüber auf die andere Straßenseite. Dort stehen meine drei Kinder. Der Neunjährige trägt einen schwarzen Umhang, hat ein weiß geschminktes Gesicht und behält mit etwas Mühe gerade so sein Vampirgebiss im Mund. Meine Sechsjährige hopst mit wehenden Fledermausflügeln in einem Kreis um ihren kleinen Bruder herum. Jakob ist zweieinhalb Jahre alt und steckt von Kopf bis Fuß in einem Dinosaurierkostüm. Alles andere war ihm zu unheimlich, aber er wollte dabei sein.

„Hallo, Wolfgang,“ grüße ich unseren Nachbarn.
„Ach, Britta, hallo! Jetzt hab ich die drei ja fast nicht erkannt! Ist denn schon Fasching?“ sagt er mit einem Augenzwinkern.
Empört erklärt meine Sechsjährige: „Neeeein, es ist doch Halloween!! Als was gehst du?“
„Wir feiern kein Halloween. Aber wir haben was Süßes für euch!“
Mit schokoladenverschmierten Mündern und zufriedenem Lächeln kommen die drei wieder aus dem Haus unserer Nachbarn heraus und laufen weiter die Straße hinunter. Vor dem nächsten Haus hängt ein Schild. „KLINGELN ZWECKLOS, HIER GIBT ES NICHTS.“
Mist, zu spät. Der Zweijährige interessiert sich wenig für Schilder. Er hat schon geklingelt. Wütend wird die Tür geöffnet. „Könnt ihr nicht lesen? Verschwindet mit eurem amerikanischen Mist!“
Der Neunjährige murmelt eine Entschuldigung und schiebt seine Geschwister schnell aus der Hofeinfahrt raus.

Das ist wirklich passiert, letztes Jahr an Halloween.
Es ist für mich jedes Jahr aufs Neue verblüffend, wie sehr selbst ein Fest wie Halloween die Gemüter erhitzen kann. Nein, auch ich käme von allein nicht darauf, Halloween zu feiern. Und auch heute dekoriere ich mein Haus nicht mit Geistern und Skeletten. Meine Kinder lieben Halloween allerdings. Ein weiteres Fest im Jahr, zu einer Jahreszeit, die oft recht trüb ist. Durch die Straßen ziehen, Freunde treffen, Gemeinschaft spüren, Spaß haben.

Versteht mich nicht falsch – ich finde es selbstverständlich absolut in Ordnung, wenn jemand diese in Deutschland noch recht neue Tradition nicht mitmachen möchte. Aber gleichzeitig denke ich, Halloween könnte eine Begegnungsmöglichkeit zwischen Alt und Jung sein. Eine Gelegenheit, in Kontakt zu treten und sich für die Feste der jungen Generation zu interessieren. Ihre Begeisterung zu spüren und sich vielleicht sogar ein bisschen mitreißen zu lassen. Wie lustig könnte es sein, beim nächsten Klingeln am Halloweenabend mal mit Bettlaken über dem Kopf die Tür zu öffnen und sich an den staunenden Kinderaugen zu erfreuen (zwei Augenlöcher helfen)?

Wir Eltern sollten mit unseren Kindern aber ebenfalls darüber sprechen, dass Halloween freiwillig ist und es vielleicht auch schönere Möglichkeiten gibt als „Süßes, sonst gibt’s Saures“ zu brüllen. Und es sollte akzeptiert werden, wenn da ein Schild an der Tür hängt, auf dem darum gebeten wird, nicht zu klingeln. Dieses Jahr werde ich versuchen, den jetzt dreijährigen Dinosaurier im Zaum zu halten, versprochen!

2024-10-25 Den Wald vor lauter Bäumen nicht …

Ich bin gerade in der Hochphase eines Projekts. Es läuft gut! Ich habe alles im Griff. Ich weiß, wo es lang geht. Heute musste ich länger als geplant arbeiten, ok, aber gestern lief alles nach Plan. Oder vorgestern. Vielleicht ist es auch schon länger her. Aber ich habe alles im Griff. Ich weiß den Weg. Also ich glaube, dass ich den Weg weiß. Hier geht’s links. So halblinks irgendwie, glaube ich. Ich schaue mal nach dem Stand der Sonne. Der Himmel ist bedeckt, blöd. Vielleicht geht’s auch rechts? Nein, unmöglich. Ich weiß doch die Richtung! Wie viel Uhr ist es eigentlich? Ich muss über das eine Thema endlich mal nachdenken. Ich hab da doch eine Lösung im Kopf gehabt, die scheint jetzt aber doch nicht ganz so zu klappen… Weiß mein Chef eigentlich davon? Ohje. Was sagen die Zahlen? Die Ziffern verschwimmen vor meinen Augen.
Ich. Weiß. Nicht. Mehr. Weiter.

Ich behaupte, wir kennen das alle. Jeder von uns manövriert sich von Zeit zu Zeit in eine Situation, in der er feststeckt. Nicht weiterkommt. In der er den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Das fühlt sich ätzend an und kaum einer möchte sich so fühlen.

Lässt es sich verhindern?
Nun, seien wir ehrlich: Nein. Nicht sofort und nicht immer. Denn um das zu können – rechtzeitig genügend Abstand zu einer Situation herzustellen – sind drei Dinge nötig:

1. Du musst schon einmal „dringesteckt“ haben. Klingt doof, ist aber so. Du musst erlebt haben, wie es ist, wenn du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst.
2. Du musst wieder rausgefunden haben. Denn wenn du noch drinsteckst, geht Punkt 3 nicht, der lautet:
3. Du musst reflektiert haben, welche Trigger es waren, die dich den Überblick haben verlieren lassen. Und das können ganz unterschiedliche Trigger sein.
Es gibt also durchaus etwas, dass du tun kannst!

Du kannst dir für Punkt 2 und 3 Unterstützung holen. Jemanden, der mit dir gemeinsam ein paar Schritte rückwärts geht, bis du so viel Abstand hast, dass du rechtzeitig anders abbiegen kannst. Jemanden, der mit dir die Fragen klärt:
Wo bin ich? Wo will ich hin? Und was muss ich tun, um dort hinzugelangen?

So kannst du es schaffen, beim nächsten Mal achtsam und fokussiert auf deinem Weg zu bleiben und den Wald in all seiner Schönheit sehen zu können.

Wir können dir dabei helfen. 

2024-10-17 Dankbarkeit ist Heilkraft

Wir haben uns in den letzten Wochen viel mit dem Thema Dankbarkeit auseinandergesetzt.
Einen sehr wichtigen Faktor haben wir bisher nur kurz erwähnt und möchten ihn heute noch ein wenig ausführen:

Dankbarkeit hat das Potenzial zur Heilkraft gegen die aktuelle Abwärtsspirale negativer
Gedanken und gegenseitiger Anfeindungen. Dankbarkeit heilt. Nicht nur den einzelnen
Menschen, sondern eine ganze Gesellschaft, denn Dankbarkeit potenziert sich, sobald wir unsere Mitmenschen daran teilhaben lassen. Mit jeder Person, die sich Zeit dafür nimmt, dankbar zu sein, wird unsere Gesellschaft ein kleines bisschen milder, liebevoller, gutmütiger, großherziger. Und diese Gefühle, diese Einstellungen sind es, die uns durch Krisen bringen können.
Sie sind es, was wir jetzt brauchen.

Deshalb sollten wir uns auch und gerade in schweren Zeiten Inseln schaffen, kleine Dinge feiern, uns nähren und Kraft sammeln für die Momente, in denen wir sie brauchen. In Dankbarkeit können wir Verbindung schaffen, zuhören und zeigen: „Wir sind eine Gemeinschaft, du bist mir wichtig.“ Dafür gibt es unzählige und ganz individuelle Möglichkeiten.

Wir sollten, nein – wir müssen! – uns gerade im Hinblick auf die aktuelle gesellschaftliche
Situation stark machen gegen die Verführung einfacher Lösungen.
Dankbarkeit kann uns dabei helfen.

Danke für eure Zeit. Danke, dass ihr bis hierhin gelesen habt.

Diese Gedanken sind entstanden in einem Gespräch zwischen Pfr. Christiane Weis-Fersterra, Pfr. Rolf Fersterra, Hans-Martin Souchon und Britta Blos. Wir danken noch einmal für den spannenden Vormittag!

2024-10-10 Das Ding mit der Dankbarkeit (Teil 2)

Voller Dankbarkeit schlendere ich am Montag nach dem Erntedanksonntag durch die vollen Gänge des Supermarktes. Cashewmus. Mangos. 150 Sorten Käse. Laktosefreie Milch, Haferdrink, Reisdrink, Schokomilch. Süßwaren in Hülle und Fülle. Ich trete an die Fleischtheke. Auch hier: ein Angebot, das keine Wünsche offenlässt.

Mit leuchtenden Augen nimmt das kleine Mädchen vor mir eine Scheibe Lyoner entgegen und steckt sie sich umgehend in den Mund. „Wie sagt man?“, zischt ihr Vater ihr ins Ohr. Das Mädchen schaut und schweigt. Die Verkäuferin lächelt und winkt ab. „Schon gut“, sagt sie nachsichtig. Grimmig schiebt der Vater den Einkaufswagen weiter und belehrt seine Tochter. „Wenn man etwas bekommt, sagt man Danke. Das gehört sich so!“ Das Mädchen presst die Lippen aufeinander.

Gute Manieren sind uns wichtig. Bitte und Danke sagen gehört dazu, diese Worte gelten als Ausdruck von Respekt vor unserem Gegenüber. Machen Manieren dankbar? Das ist die Frage. Manieren können (!) als immer wiederkehrende Satzbausteine dazu führen, dass wir innehalten und dankbar sind. Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis – so meine These – sind es Floskeln. Danke sagen macht nicht dankbar. Das kleine Mädchen hat sich gefreut über die Lyoner, definitiv. Der Versuch des erzwungenen Danks durch den Vater ist erstens gescheitert und hat zweitens sicher nicht dazu geführt, dass das Kind sich dankbar gefühlt hat.

„Das war ja lieb von der Verkäuferin, sie hat dir einfach eine Scheibe Wurst geschenkt!“ – Dieser Satz erzwingt keine Handlung seitens des Kindes, er regt aber zur Empathie an. Kinder darauf aufmerksam zu machen, wenn jemand ihnen etwas Gutes tut, führt zu Dankbarkeit. Gleichzeitig können wir vorleben, wie wir selbst uns Menschen gegenüber verhalten, die freundlich zu uns sind.
Dankbarkeit setzt Denken voraus. Reflexion. Erst durch die Wahrnehmung, dass jemand etwas für mich tut – unter Umständen bedingungslos -, kann ich dankbar werden. Freude allein reicht nicht, es braucht diese Metaebene, das Erleben, dass jemand mein Bedürfnis sieht oder mich überrascht, um mir eine Freude zu machen.

Auch als Erwachsene lohnt sich dieser Gedanke. Lasst uns Danke sagen, ja, aber lasst uns auch Danke fühlen! Dazu müssen wir rauskommen aus unserem Egozentrismus und den anderen sehen. Denn nur wer den anderen sieht, kann Dankbarkeit erfahren. 

Diese Gedanken sind entstanden in einem Gespräch zwischen Pfr. Christiane Weis-Fersterra, Pfr. Rolf Fersterra, Hans-Martin Souchon und Britta Blos. Wir danken noch einmal für den spannenden Vormittag!

Die Reflexion über Dankbarkeit ist die Voraussetzung für ihr Empfinden.

2024-10-06 Erntedankfest

Als ich 6 oder 8 Jahre alt war, war das Erntedank-Fest wichtig. Ich erinnere mich an eine Themenwoche im Kindergarten, an geschmückte Klassenzimmer, an gefüllte Kirchen. Meine Eltern haben mit mir einen Erntedank-Frühstückstisch gerichtet. Erntedank war präsent.
Zum Erntedankfest wurde die Vielfalt der landwirtschaftlichen Erträge in die Kirche gebracht und Gott für die reiche Ernte unsere Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht. Im Anschluß wurden die Gaben an bedürftige Mitmenschen verteilt und somit erwuchs daraus aus der Dankbarkeit eine Freude am Geben, am Teilen.

Heute wird Erntedank weniger gefeiert. In den Familien wird selten darüber gesprochen, die Kirchen sind leerer. In den Schulen wird vielleicht noch in der einen Reli-Stunde am Dienstagmorgen ein Bild dazu gemalt. An den Fenstern hängen im Oktober eher gruselige Kürbisse und Geister. Halloween sticht Erntedank. Gib mir was, oder ich spiel Dir einen Streich wirkt eher fordernd als dankbar.

Diejenigen, die in meiner Kindheit Lehrkräfte, Erziehende, Eltern, Pfarrerinnen und Pfarrer waren, sind in einer Zeit aufgewachsen, in denen die Dinge knapper waren. Was knapp ist, ist nicht selbstverständlich. Was nicht selbstverständlich ist, schätzen wir wert. Ohne Wertschätzung keine Dankbarkeit – so schließt sich der Kreis.

Nun wäre es absurd, Dinge künstlich zu verknappen, um wieder dankbarer sein zu können.
Wir können aber zwei Dinge tun: Zum einen können wir diejenigen erzählen lassen, die Knappheit erfahren haben. Wir können uns auf den Gedanken einlassen, dass unsere gesättigten Grundbedürfnisse brandneu sind – gemessen an der Geschichte der Menschheit. Das macht dankbar. Zum anderen können wir den Fokus auf die Dinge lenken, die uns glücklich machen, die uns guttun. Zu überlegen, was uns Freude bereitet, ist eine fabelhafte Grundlage dafür, Dankbarkeit zu fühlen. Und oft können wir dabei feststellen, dass doch einige Bereiche in unserem Leben eigentlich recht gut laufen, auch wenn wir uns über eine Sache gerade ziemlich ärgern. Die Dankbarkeit über das, was gut ist, hilft uns, mit dem, was nicht so gut ist, zurechtzukommen. Dankbarkeit macht resilient.

Weshalb sich Dankbarkeit außerdem noch lohnt und was wir im Alltag ganz konkret tun können, damit wir und unsere Mitmenschen von ihr profitieren können, das besprechen wir in den nächsten Posts.


Diese Gedanken sind entstanden in einem Gespräch zwischen Pfr. Christiane Weis-Fersterra, Pfr. Rolf Fersterra, Hans-Martin Souchon und Britta Blos. Wir danken für den spannenden Vormittag!

Die Reflexion über Dankbarkeit ist die Voraussetzung für ihr Empfinden. Euch, liebe Leserinnen und Leser, laden wir deshalb ganz herzlich dazu ein, eure Gedanken zu unserem Post zu teilen.
Was macht euch dankbar? Empfindet ihr die Menschen um euch herum weniger dankbar als früher? Was bedeutet das Erntedankfest heute für euch? Weshalb ist Dankbarkeit in euren Augen wichtig?

2024-10-03 Interview 4 – Stabilität

Hans-Martin Souchon über die Notwendigkeit, bei aller Reflexion eine stabile Meinung zu vertreten. Denn Stabilität schafft Vertrauen.


BB: Wie komme ich als Führungskraft zu einer stabilen Meinung?

HMS: Man kommt zu einer stabilen Meinung, wenn man sich darüber bewusst wird, was mit dem eigenen Team passiert, wenn man sie NICHT hat. Ohne eine stabile Position von mir ist mein Team unsicher, es schwimmt. Ja, ich kann auch Zweifel haben. Das kann ich auch sagen: „Dazu habe ich noch keine Meinung, da brauche ich mehr Informationen.“ Alles ist besser, als ständig etwas anderes zu sagen wie ein Fähnlein im Winde.
Gerade jungen Führungskräften möchte ich den folgenden Grundsatz mitgeben: „Wer fragt, der führt.“ Wenn ich mir unsicher bin, dann frage ich, wie jemand anders zu seiner propagierten Meinung gekommen ist. Ich muss nachvollziehen können, wie sich andere Positionen entwickelt haben, um in meiner eigenen Meinung stabil zu werden und mich positionieren zu können. Nur so kann ich mich wappnen und dafür sorgen, dass ich mich nicht ständig verunsichern lassen muss. Durch tiefes Verständnis.

BB: Wann beginnt man normalerweise, seine Meinung zu überdenken?

HMS: Mir passiert das dann, wenn ich neue Informationen oder Erkenntnisse bekomme, die ich zuvor nicht gehabt habe. Zum Beispiel technologische Veränderungen, die haben meine Meinung zur E-Mobilität verändert. Diese Meinungsänderung hat dazu geführt, dass ich mir ein Elektroauto gekauft habe.

BB : Was geschieht, wenn man seine Meinung ständig ändert?

HMS: Das Vertrauen geht flöten. Mein Team wird sich fragen, wie es um meine Ehrlichkeit bestellt ist. Prozesse werden außerdem verlangsamt. Alle fragen sich ständig: „Bleibt der überhaupt dabei? Erstmal abwarten.“ Ich bin keine Leitfigur mehr. Ich mache mich selbst führungsunfähig.

BB: Wie kann ich als Mitarbeiter damit umgehen, wenn meine Führungskraft ständig ihre Meinung ändert?

HMS: Ich empfehle: Permanent fragen. „Das verstehe ich nicht. Weshalb soll ich das tun? Bitte erklär mir nochmal die Hintergründe.“ Fragen, fragen, fragen. Mit der Zielsetzung, mich selbst optimal einzubringen. Das muss rüberkommen.


Was sind eure Gedanken dazu? Hattet ihr mal eine Führungskraft, die ständig ihre Meinung geändert hat?

2024-09-26 Interview 3 – Miteinander in Gesellschaft und Unternehmen

Hier spricht Hans-Martin Souchon im Interview über Respekt, Haltung und die Kernpunkte in zwischenmenschlichen Beziehungen im Unternehmen.
Teilt gerne eure Gedanken zum Interview in den Kommentaren!

BB: Was können wir für unser Miteinander in der Gesellschaft, aber auch in der eigenen Firma tun?

HMS: Der wichtigste Punkt ist für mich immer gegenseitiger Respekt. Mich muss nicht die ganze Welt mögen. Keiner muss mich mögen. Na ja, jeder möchte, dass man ihn mag, aber das sollte nicht unser Hauptfokus sein. Ich möchte nur Respekt. Wie schön könnte die Welt sein, wenn sich alle gegenseitig respektieren würden. Dann wäre ein Angriff auf die Ukraine nicht passiert. Dann wäre das, was im Nahen Osten passiert ist, nicht passiert. Wenn ich meinen Beitrag dazu leisten kann, dann tue ich das gerne. Indem ich mein Gegenüber so gut wie möglich respektiere. Ich möchte einfach nur eine offene und freundliche Wirkung erzeugen. Es nutzt zum Beispiel nichts, wenn ich etwas als blödsinnig wahrnehme und das dann auch so tituliere. Es nutzt meinem Gegenüber viel mehr, wenn ich einfach freundlich lächle und ihn damit nicht mit meiner Ausdrucksweise verletze. Das zeugt von Respekt.

BB: Was können Führungskräfte tun, um für gegenseitigen Respekt in der Firma zu sorgen?

HMS: Zuerst gilt es, den Menschen gegenüber, eine offene Haltung zu haben. Dann sind da die allgemeinen Kernpunkte: Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Ich sage die Wahrheit. Verstecke mich nicht hinter irgendjemandem. Ja, auch ich bin nicht fehlerfrei und das gehört für mich zur Ehrlichkeit. Aber ich mag keine Notlügen. Die kann ich nicht akzeptieren. Lieber sage ich gar nichts, als zu lügen. Und Vertrauen schenken. Vertrauen schenken bewirkt irgendwann, dass man ebenfalls mit Vertrauen beschenkt wird. Und der dritte Punkt ist: Klarheit in den Zielsetzungen. „Wo will ich hin mit dem, was ich hier tue?“
Wenn diese drei Themen laufen, dann ergibt sich daraus eine Einstellung, eine Haltung, eine attitude, die ans Ziel führt.
Wird man damit Vorstandsvorsitzender von Daimler Benz? Keine Ahnung. Mit meiner Einstellung bin ich zumindest nicht Vorstandsvorsitzender von Daimler Benz geworden. Das ist wieder die Sache mit den eigenen Zielsetzungen.

BB: Was sind für dich Aktionen, mit denen man das Respektniveau in seiner Firma beschädigt?

HMS: Dreh es einfach mal um. Mach Versprechungen und halte sie nicht ein. Mach dein Ding und setz dich durch, ohne nach links und rechts zu sehen. Sag keinem, was du vorhast. Kümmere dich um dich selbst und lass den Rest links liegen. Damit fährst du den Karren recht schnell an die Wand.

2024-09-19 Interview 2 – Networking is more important than hard work

Heute haben wir wieder ein Interview mit Hans-Martin Souchon für euch.

BB: Was bedeutet für dich Networking?

HMS: Networking heißt für mich, dass ich Verbindungen zu anderen Menschen habe. Ich kann für mich selbst nie genug sein. Ich brauche die Resonanz von anderen, ganz verschiedenen Menschen, um mich weiterzuentwickeln.

BB: Wieso ist Networking so wichtig?

HMS: Networking heißt, dass ich jemanden kenne, der ein skillset hat, das mir bei einem Problem helfen kann. Man kann sein eigenes skillset mit Menschen erweitern, denen man vertraut. Social media ist für mich da manchmal ein bisschen problematisch. Ich will sehen, wo die Menschen stehen, was sie umtreibt, mit denen ich zu tun habe. Trotzdem habe ich auch bei social media Möglichkeiten, herauszufinden, ob mich ein Kontakt anspricht, mir interessant erscheint.

BB: Bedeutet das, dass man andere Menschen ein bisschen als Ressourcen betrachtet?

HMS: Na klar, wenn schon Personalabteilungen sich Human Resources nennen. Kontakte mit Menschen sind Zuwächse an Kompetenzen. Ich erweitere damit meine Handlungsoptionen. Aber das ist kein Missbrauch, das ist verstehe ich als ein Geben und Nehmen.

BB: Was macht man als sehr introvertierte Person, der es schwerfällt, Kontakte zu knüpfen?

HMS: Warum soll eine introvertierte Person nicht networken können? Weshalb kann so jemand nicht zum Beispiel über social media Plattformen gehen? Man kann sich trotzdem ein Netzwerk aufbauen. Vor allem kann man sehr niedrigschwellig vorgehen, das kostet nicht so viel Überwindung. Es gibt Möglichkeiten, sich zu engagieren in Bereichen, in denen man mit vielen Menschen zu tun hat, ohne Menschen aktiv ansprechen zu müssen. Engagement in Vereinen kann so etwas sein. Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass die Welt nicht zu mir kommen wird. Es wird keiner auf den Gedanken kommen, dass ich mehr Kontakt möchte, wenn ich das nicht an irgendeinem Punkt signalisiere.

BB: Was ist wichtig, um nachhaltig zu networken?

HMS: Es ist sehr sinnvoll, mir regelmäßige Zeiten zu nehmen, an denen ich mich um meine sozialen Kontakte kümmere. Das kann ein Freitagmittag sein oder eine Stunde am Dienstagmorgen. Routinen helfen dabei, Dinge nicht aus den Augen zu verlieren – so ist es auch beim networken. Melde dich regelmäßig bei Leuten. Schreib zum Geburtstag, finde zwei oder drei persönliche Worte – das verbindet, schafft Bewusstsein füreinander und baut so ein Netzwerk auf.

BB: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

2024-09-12 Interview 1 – Attitude and Mindset

BB: „Your attitude and mindset will determine your success more than your skills.“
Welche Bedeutung hat dieser Satz für dich?

HMS: Übersetzt geht es um die Begriffe Haltung und Einstellung/Gedankenfokus. Wenn man den Satz umkehrt, sprechen wir über das Thema „self fulfilling prophecy“. Damit meint man meistens was Negatives. Wenn ich meine Gedanken aber positiv ausrichte, dann kann auch hier eine self fulfilling prophecy entstehen. Wenn man sich seiner Arbeit bzw. seinem Umfeld positiv gegenüberstellt, ist man fokussiert: Was muss ich tun, um dahin zu kommen, wo ich hinmöchte? Anstatt sich immer zu beschweren, was nicht funktioniert. Dadurch spare ich Kraft. Positive Ausrichtung führt dazu, dass ich mich nicht über Nichtigkeiten ärgere.
Die erste Frage ist immer: Wo bin ich gerade? Die zweite Frage ist: Wo will ich hin? Und daraus ergibt sich: Was muss ich tun, um dahin zu kommen? Dann ist „Das ist alles sch****“ gar keine Option mehr, weil es nicht zielführend ist. Dafür braucht man attitude. Um sein Mindset so klarzuhaben, dass ich weiß, was ich tun muss, um mein Ziel zu erreichen.

BB: Können attitude und mindset erlernt werden? Was kann ich als FK tun in Bezug auf mein Team?

HMS: Erstens: Vorleben. Endlose Diskussionen abwürgen und fragen: „Freunde, wo wollen wir denn eigentlich hin? Bringt uns das gerade weiter, näher ans Ziel heran?“ Die Gesprächsführung übernehmen. Das Zweite ist: Ich kann mit meinem Team Vereinbarungen treffen, z.B.: „Wenn wir wieder mal in diesen Kreislauf kommen, dass alle nur noch schimpfen und nicht mehr konstruktiv sind, dann haben wir ein Codewort. Sobald jemand bemerkt, dass sich das ungünstig entwickelt, sagt er das Wort. Das kann Sombrero sein. Oder Spagetti. Oder idealerweise ein Begriff, mit dem jeder der Anwesenden etwas verbindet.

BB: Wie muss denn das Mindset beschaffen sein, damit ich erfolgreich bin?

HMS: Das kommt darauf an, was ich erreichen möchte. Wenn ich einfach einen Job haben möchte, mit dem ich gutes Geld verdienen will, dann muss mein Mindset „nur“ darauf ausgerichtet sein. Meine Motivation speist sich aus meiner Haltung und meinem Fokus. Das bedeutet, dass das eigene Mindset immer fluide ist, je nachdem, wie ich zum aktuellen Zeitpunkt meine Ziele definiere.
Ich muss meine Arbeit gerne machen, um langfristig darin erfolgreich zu sein. Deshalb sind meine inhaltlichen Fähigkeiten nicht so entscheidend wie meine Haltung, meine Einstellungen und meine Denkstruktur.

BB: Kann das eigene Mindset einen daran hindern, Ziele zu erreichen?

HMS: Ich glaube nicht – wenn man ein Ziel hat, für das man intrinsisch motiviert ist. Ein selbstgestecktes Ziel wird dazu führen, dass sich mein Mindset darauf ausrichtet. Ein fremdes Ziel, mit dem ich mich nicht identifizieren kann? Da wird mein Mindset nicht mitgehen. Und das ist auch das, was eine gute Führungskraft ausmacht. Die Zielformulierung an meine Mitarbeiter anzupassen, um ihnen die Chance zu geben, aktiv dabei zu sein.